Wasser in der Stadt Konzept für ein schöneres Stuttgart Roland Ostertag Peter-Grohmann-Verlag, Stuttgart 2013 116 Seiten mit vielen Schwarz-weiß- und Farbabbildungen ISBN 978-3-927340-94-7 10 Euro
Ähnlich wie in Freiburg die offenen Kanäle durch die Fußgängerzone plätschern, so stellt sich der ehemalige Präsident der Bundesarchitektenkammer Roland Ostertag eine Offenlegung des in die Kanalisation von Stuttgart verbannten Nesenbachs vor. Dass der Bach dort mit Abwasser vermengt wird, hält Ostertag zu Recht für eine grandiose Ressourcenverschwendung der zahlreichen Frischwasserquellen, die den Nesenbach speisen. Deshalb schlägt er eine Trennung vom Abwasser vor sowie eine Verlegung an die Oberfläche, was das Stadtbild und die Atmosphäre Stuttgarts außerordentlich bereichern könnte.
Das Buch skizziert zunächst die Geschichte der Wasserläufe der Landeshauptstadt seit dem 18. Jahrhundert und zeigt Beispiele für architektonisch gefasste Wasserflächen bei Bauten von Mies van der Rohe, Tadao Ando, Luis Barragan und anderen. Schließlich wird in professionellen Renderings anschaulich gemacht, wie der Bachlauf von Vaihingen über Heslach durch bebaute Wohnviertel führen könnte, weiter durch den Akademie- und den Schlossgarten, wie er den See bei den „Berger Sprudlern“ durchqueren und über Kaskaden in den Neckar münden würde. Dort allerdings verblüfft die vollkommene Verlegung des komplexen Straßengeflechts zwischen Wilhelma und Mineralbad Leuze unter die Erde und unter dem Nesenbachdelta hindurch. Spinnerte Utopie, zu schön um wahr zu sein? Doch Ostertag übernimmt einfach Pläne, die das Stadtplanungsamt im Jahr 2003 für die gescheiterte Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012 angefertigt hatte. Damals wurde die Verkehrsführung der Bundesstraßen 10 und 14 genau so konzipiert, damit eine in Amtskreisen sowieso als dringend notwendig erachtete Entflechtung zur Erhöhung der Wohnqualität in Bad Cannstatt, Berg und Wangen führen würde.
Einmündung des Nesenbachs in den Neckar. Links davon der Stadteil Berg mit dem Mineralbad Berg und dem Mineralbad Leuze, rechts das Schloss Rosenstein. Bildrecht: Roland Ostertag
Das nicht nur für Fachplaner, sondern auch für interessierte Bürger und Stuttgartliebhaber konzipierte Buch wird mit aquaphilosophischen Gedankengängen und einem im Faksimile abgedruckten Text von 1938 zur Heimatkunde des Nesenbachs abgerundet.
Ausstellung Stuttgart-Woher-Wohin?
Roland Ostertag betreibt in den Räumen der architekturgeschichtlich interessanten und idyllisch am Killesberg gelegenen Villa Borst ein privates Museum zur Architekturgeschichte Stuttgarts mit einem 25 Quadratmeter großen Modell der Innenstadt. In diese Ausstellung fügt er seine Visionen zur städtebaulichen Fortentwicklung immer prompt ein. So sind auch diese Ideen der Stadt am Bach dort bereits in großen Formaten zu studieren. Ostertag der Unermüdliche ist dabei schon wieder einen Schritt weiter und konzipiert gerade Ideen zur Überformung und Rückbauung der hässlichen Stuttgarter Straßenkreuzungen in maßstäbliche Stadtplätze. Dieser neueste Teil der Ausstellung soll im September eröffnet werden. Ob mit oder ohne Plätze ist diese Ausstellung auf jeden Fall ein lohnendes Ausflugsziel für alle, die in Stuttgart übersommern.
Das große Modell der Stuttgarter Innenstadt zeigt auch die noch nicht realisierten Planungen. Allerdings nicht Stuttgart 21, sondern wie bei K21 die Bahnhofshalle aussehen könnte und welche Park- und Stadteilerweiterungen dabei möglich wären.
Die ständige Ausstellung Stuttgart-Woher-Wohin? im Gähkopf 3 in Stuttgart ist Samstags von 11 Uhr bis 15 Uhr geöffnet oder nach Vereinbarung unter Telefon 0711 /60 53 37