Zentraler Busbahnhof (ZOB), Überdachung + Servicegebäude
Salinenstraße
74523 Schwäbisch Hall
Marquardt Architekten BDA, Stuttgart; Projektteam: Isabell Lorenz, Konstantin Burkhardt, Ulrich Frohnmayer, Emilio Pesopane, Jürgen Marquardt
Stadt Schwäbisch Hall, vertreten durch Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim, vertreten durch Fachbereich Planen und Bauen, Eberhard Neumann
2011
Städtebau
Der Neubau des ZOB Schwäbisch Hall ging aus dem Siegerentwurf des städtebaulichen Architektenwettbewerbs der Stadt Schwäbisch Hall vom Jahr 2009 hervor und ist verkehrsplanerisch Teil eines ÖPNV-Konzepts, das mit dem Bau einer leistungsfähigen und den Anforderungen entsprechenden Nahverkehrsdrehscheibe eine qualitative Verbesserung zu erreichen sucht. Er bildet darüber hinaus im städtebaulich-architektonischen Sinne einen Beitrag zur Aufwertung und Neustrukturierung des Stadtteils zwischen Altstadt und Kocherufer und ist Bindeglied zum neu entstandenen Einkaufszentrum "Kocherquartier". Die Topografie der im Hintergrund ansteigenden Stadt bietet die eindrucksvolle Kulisse der Baumaßnahme.
Der ZOB verkörpert den Ort des Ankommens in der Stadt und hat in diesem Sinne für die Außendarstellung der Kommune eine übergeordnete Bedeutung. Ein neuer öffentlicher Platz unmittelbar vor dem Kopfende des ZOB soll dem Stadtbereich einen neuen Mittelpunkt geben und gemeinsam mit dem ZOB einen urbanen Raum mit hoher Qualität entstehen lassen.
Die klare und ruhige Dachform zeigt Zurückhaltung gegenüber der historischen Stadt und kann gleichzeitig neben den großen Neubauten bestehen. Diesem Ziel dient auch die gewählte Konstruktion, die einen schlanken Dachrand in einer durchgehenden Linie erlaubt, gleichzeitig aber mit einer auch konstruktiv bedingten, dezenten Überhöhung zu einer Betonung des Kopfbereiches mit den Serviceeinrichtungen führt.
Eine Teilung der Dachfläche dient der maßstäblichen Einbindung und betont den mittigen Zugang. Die Kontur der Dachfläche entspricht der Fahrbahnführung und der Form der vorgegebenen Warteinsel. Als Grundbeleuchtung dient - der Dachform folgend - ein unterseitiges Lichtband über dem Einstiegsbereich der Busse. Die Integration von Beleuchtung, Entwässerung und Beschilderung, genauso wie die Wahl des Baustoffs Stahl, erfolgte unter dem Aspekt geringer Pflege- und Folgekosten.
Im vorgegebenen Konzept wird der Busbahnhof im Wesentlichen auf einen langen Bahnsteig konzentriert. Dem entspricht auch die Dachkonstruktion. Hauptzugang und Schwerpunkt bildet am südlichen Ende zur Stadt hin die Aufweitung des Bahnsteiges. An diesem Punkt befindet sich das Servicezentrum.
Überdachung
Das Stützenraster des Daches ergibt sich aus Anzahl und Länge der Bushaltestellen. Die ablesbaren Erhöhungen im Hauptträger folgen dem Momentenverlauf und korrespondieren mit der bewegten Landschaft des Kochertals.
Durch die gewählte weit spannende Konstruktion und dem schlanken Dachrand zeichnet sich die Überdachung vor der Haller Altstadtkulisse lediglich als scharfe Linie ab.
Die Formen- und Materialsprache der Überdachung setzt sich bei der Gestaltung des Servicegebäudes und der Wartebereiche fort.
Damit die Überdachung in seiner reinen architektonisch-konstruktiven Form erscheint, wählten die Architekten für das flügelartige Bauwerk das sehr leistungsfähige Konstruktionsprintip der Monocoque-Stahlbauweise. Neben der extremen statischen Effizienz bieten hier die zellenartigen Hohlräume den Platz für die Integration aller technischen Funktionen.
Das Primärtragwerk der beiden 82 und 52m langen Überdachungen besteht aus den Elementen Stütze, Hauptträger in Längsrichtung und Nebenträger in Querrichtung. Das Konstruktionsprinzip der stressed skin wurde aus dem Flugzeugbau übernommen und weiterentwickelt. So entstehen allseitig glatte, fugenlose Dachflächen, die als fertige Außenhaut funktionieren und zu Reinigungs- und Wartungszwecken betreten werden können.
Die Hohlraumkörper der Stützen und des Daches bieten die Volumina für die Integration aller technischen Funktionen Dachentwässerung, Licht, Sicherheitstechnik und Information. Entwässerungsrinnen und Fallrohre sind ebenso wie die Beleuchtungskörper in das Tragwerk integriert. Zusätzliche verkleidende oder abzudichtende Bauteile wie Dachbahnen oder abgehängte Decken werden nicht mehr benötigt.
Servicegebäude
Der Servicebereich ist in einem freistehenden Baukörper am Südende unter dem ZOB-Dach untergebracht. Die Rautenform mit der schmalen Seite am Bahnsteigkopf ermöglicht den Busfahrern eine maximale Übersicht beim Umfahren des ZOB-Kopfbereiches.
In dieser Serviceraute befinden sich Kleingastronomie, die öffentlichen WC- Anlagen und ein Technikraum mit Wasser-, Fernwärme- und Stromversorgung für das gesamte ZOB-Gelände. Das 15m lange und 5,5m breite Gebäude nimmt in Grundriss und Gestalt die bewegten Formen des Stahldaches mit einer leichten Neigung der Dachflächen auf. Der rautenförmige Grundriss, die abgerundeten Gebäudeecken, der zur Fassade zurückgesetzte Gebäudesockel und die behindertengerechte, zur Fahrbahn schwellenfrei abfallenden Bodenfläche geben dem Gesamtbauwerk in Verbindung mit dem weit auskragenden Dach seine dynamische Erscheinung.
Haustechnik
Als Grundbeleuchtung dient ein flächenbündiges Lichtband über den Einstiegsbereichen. Bei Nacht betonen die umlaufenden, zoniert schaltbaren Lichtbänder wirkungsvoll die geometrisch geschwungenen Konturen des Daches.
Als Wartezonenbeleuchtung dienen individuell entwickelte LED-Einbauleuchten in der Mittelachse der Dachkonstruktion.
Der helle Betonpflasterboden reflektiert das Licht der Einbauleuchten an die glatte Dachuntersicht und sorgt so mit minimalem Energieaufwand für gleichmäßiges und blendfreies Licht.
Gegen Dach und Boden gerichtete Up- und Downlights zonieren die Aufenthaltsbereiche, das Servicegebäude und die Bushaltestellen.
Für die Entwässerung der Dachflächen sorgen in die Dachfläche eingelassene Kastenrinnen, die von der Fußgängerperspektive aus nicht sichtbar sind. Über eine in den Dachhohlkörpern liegende Installation wird das Niederschlagswasser von den Dachrändern zu den in den Stützen integrierten Fallrohren geleitet.
Wartebereiche
Die Wartebereiche befinden sich in Bussteiglängsachse mittig in den Stützenfeldern unter dem vor Regen und Sonne schützenden, großen Dach. Die Seiten- und Rückwände wurden Z-förmig angeordnet, so dass sich 2 Sitzbänke in windgeschützten Nischen zu den unterschiedlichen Bussteigseiten orientieren. Genauso wie das ZOB-Dach bestehen die Wände der Wartebereiche aus tragenden Stahlblechen. An den Stirnwänden der Wartebereiche sind jeweils die Fahrplanvitrinen eingebaut. Große Glasfelder sorgen für viel Licht und Transparenz und vermeiden dunkle und uneinsehbare Zonen. Die sanften Formen des Daches setzen sich bei der Konstruktion der Wartebereiche fort: Die 25mm starken Stahlblechwände wurden an den Ecken gebogen und bieten so die Aussteifung der dünnwandigen Stahlkonstruktion.
Die Sitzflächen aus Eiche sind auf einer gebogenen Stahlblechplatte aufgelegt und sorgen für eine warme und einladende Atmosphäre für die Warte- und Aufenthaltszonen.
Marquardt Architekten BDA
Stuttgart




