Vinotorium
Renchener Straße 42
77704 Oberkirch
Architekturbüro Müller + Huber / Echomar, Oberkirch
Oberkircher Winzer e. G., Oberkirch
2017
„Wenn ich die Leute gefragt hätte was sie wollen, hätten sie gesagt ‚schnellere Pferde‘“. Dieses Zitat stammt von Henry Ford und beschreibt sehr anschaulich dass die Fortschreibung von Traditionen manchmal mit anderen Mitteln erfolgen muss, um einem Paradigmenwechsel gerecht zu werden. In einer Zeit, in der die Digitalisierung alle Lebensbereiche durchdringt, muss auch die Schwarzwaldbaukultur ihre beeindruckende Tradition digital fortschreiben.
Die Bedingungen dafür sind günstig. Eine Art neue Avantgarde, die einerseits international ausgebildet und global vernetzt ist, andererseits aber auch einen sehr sensiblen Sinn für lokale Eigenheiten und Traditionen besitzt, bildete sich in den letzten Jahren aus. Diese neue kreative Klasse baut die elterlichen Weingüter und Restaurants radikal um, destilliert Gin, entwickelt Apps und bemalt Kuckucksuhren im Street-Art-Style. Es ist die Aufgabe einer neuen Schwarzwaldbaukultur, dieser neuen Generation eine architektonische Entsprechung zu geben. Diese Baukultur muss an das traditionelle Wissen anknüpfen und es mit einem neuen Selbstverständnis, neuen Entwurfsmethoden und neuen Produktionsprozessen in die Zukunft entwickeln.
Der Neubau des Vinotoriums der Oberkircher Winzer durch Echomar und das Architekturbüro Müller + Huber steht exemplarisch für eine solche neue Baukultur. Die Oberkircher Winzer haben sich durch große handwerkliche Leidenschaft und kluge Strategien von einer etwas angestaubten Winzergenossenschaft zu einem sehr erfolgreichen und innovativen Unternehmen entwickelt. Der neue Verkostungsraum sollte diese Entwicklung und auch die zukünftigen Ambitionen architektonisch unterstreichen.
Das Vinotorium ist die räumliche Entsprechung des Weingenusses, so die Grundkonzeption der Architekten. Da der historische Gründungskeller der WG in unmittelbarer Nachbarschaft wesentlich durch sein Gewölbe charakterisiert wird ist es naheliegend, das Leitmotiv des Gewölbes als Hauptelement des Kellers in etwas Neues zu transformieren. Ausgehend vom Weinspektrum der Oberkircher Winzer, das von leichten Sommerweinen über mittelkomplexe Rieslinge bis zu hochkomplexen Cabernet Sauvignons aus dem Barrique reicht, wurden diesen unterschiedlichen Weinempfindungen unterschiedlich komplexe Räume gegenübergestellt. Diese wurden dann mittels parametrischer Entwurfssoftware zu einem Kontinuum zusammengeführt. Der digitale Planungs- und Produktionsprozess erlaubte es, bis unmittelbar vor Produktionsbeginn an der Form zu arbeiten. Das Gewölbe beschreibt über unterschiedlich gefräste Holzsegmente eine Freiform, die an den Gründungskeller erinnert, dieses Motiv aber überformt und zeitgenössisch interpretiert. Neben dem Hauptelement des Gewölbes befindet sich am Ende des Raumes ein Bodenrelief, das einem Oberkircher Weinberg entnommen und museal präpariert wurde. Dieses Element betont die lokale Spezifität, das Terroir des Weines. Die Wände sind in einem Lehmputz ausgeführt der an die Textur alter Weinkeller der Region erinnert.
Auch wenn das Endergebnis in seiner Raumwirkung leicht und selbstverständlich wirkt, war der Planungs- und Realisierungsprozess komplex und umfangreich. Das Narrativ der Fortschreibung der Tradition mit digitalen Methoden und Werkzeugen erforderte einen hohen Rechercheaufwand, die digitale Konzeption ein methodisches Umdenken des Entwurfsprozesses, die Freiform des Gewölbes eine Vielzahl an digitalen und analogen Modellen und die Realisierung einen hohen Kommunikations- und Improvisationsaufwand. Schnellere Pferde wäre der sicher einfachere Weg gewesen, um im Bild Henry Fords zu bleiben. Die Aussicht auf eine eigenständige, lokal spezifische und gleichzeitig an globalen Entwicklungen orientierte Architektursprache machen Experimente wie das Vinotorium der Oberkircher Winzer aber zu einem wertvollen Baustein auf dem Weg ins digitale Zeitalter der Schwarzwaldbaukultur.




