Sanierung und Umnutzung Hinterhaus
Tübinger Straße 85
70178 Stuttgart-Süd
Tina Seiberts Daniel Seiberts Stuttgart
Tina Seiberts, Daniel Seiberts, Stuttgart
2014
Als Glücksfall auf der Suche nach einem geeigneten Renovierungsobjekt in der Stuttgarter Innenstadt stellte sich der Fund eines bislang gewerblich genutzten Hinterhofgebäudes im Stadtbezirk Süd heraus. Der Nachkriegs-Wiederaufbau bot eine gute Grundlage, die Vorstellungen der Bauherren von großzügigen, hellen und offenen Wohnräumen in zentraler Lage umzusetzen. Die Lage im Hinterhaus überzeugte dabei trotz direkter Nachbarschaft zu einer Hauptverkehrsader Stuttgarts durch angenehme Ruhe.
Der Zustand des seit der Errichtung nahezu unrenovierten Objekts machte umfassende Sanierungsmaßnahmen erforderlich, eröffnete aber zugleich die Chance auf einen größtmöglichen Gestaltungsspielraum. Die der gewerblichen Nutzung entsprechende Konstruktion mit freitragenden Decken ohne innere tragende Wände kamen der Vorstellung von einer offenen Grundrissgestaltung entgegen. Der Zuschnitt der Räume sowie die beiden vorhandenen Eingänge machten es darüber hinaus möglich, die Gesamtwohnfläche von ca. 160 m² in zwei Wohneinheiten zu 110 bzw. 50 m² zu unterteilen. Für die kleinere Einliegerwohnung wurde der Einbau eines zusätzlichen, innen liegenden Bades vorgenommen. Durch einfaches Öffnen eines Durchbruchs und kann dabei die Einliegerwohnung ganz oder - bei Einbau eines weiteren Bades an bereits vorgerüstete Anschlüsse - teilweise der Hauptwohnung zugeschlagen werden. Damit kann die Wohnungsgröße an die jeweiligen Anforderungen der Bauherrn flexibel angepasst werden.
Der industrielle Charakter des Gebäudes wurde aufgenommen und konsequent weiterentwickelt. Die großzügigen, offenen Räume mit einer Deckenhöhe von bis zu 3,20 m bildeten hierfür die Grundlage. Details wie die Innenfenster des ehemaligen Büros oder die Betonwerksteintreppe wurden als Reminiszenz an die vorherige Nutzung erhalten. Als logische Konsequenz wurde darüber hinaus an der hofseitigen Fassade das Ziegelmauerwerk freigelegt. Die vorgefundene, sehr heterogene Außenwand mit diversen Materialien und Steinformaten wurde - wo erforderlich - ausgebessert und mit einer mineralischen Schlämme homogenisiert, ohne die Struktur des Mauerwerks und die offensichtliche Verwendung von Kriegstrümmern zu verstecken. Auch im Inneren wurde dem Charakter des Gebäudes durch Verwendung von wenigen naturbelassenen Materialien mit guter Alterungsbeständigkeit wie lasiertem Gipsputz, weiß pigmentiertem Eichenparkett sowie Zementfliesen bzw. einer Kalkspachtelung in den Bädern Rechnung getragen.
Da ein Vollwärmeschutz hofseitig durch das Zeigen des Mauerwerks ausschied, wurden die Außenwände hier mit einer mineralischen, diffusionsoffenen Innendämmung versehen. Auf den deutlich größeren Flächen der Gebäuderückseite wurde ein Vollwärmeschutz, ebenfalls als durchgängig mineralisches System, aufgebracht. Die großen Fensteröffnungen wurden mit dreifachverglasten Holzfenstern ausgestattet. Die Kellerdecke und die oberste Geschossdecke wurden mit Mineralwolle in Dämmstärken von 120 bzw. 200 mm umfänglich gedämmt. Die Haustechnik wurde vollständig zurückgebaut und gemäß den aktuellen Anforderungen grundsätzlich neu installiert. Dabei wurde zur Trinkwassererwärmung und zur Heizungsunterstützung eine Solarthermieanlage integriert. Durch die dargestellten Maßnahmen erreicht das Gebäude energetisch das Niveau eines KfW-Energieeffizienzhauses 100 und ist somit vergleichbar mit einem Neubau gemäß den Vorgaben der EnEV 2009.




