Alte Hofbibliothek - Restaurant, Museum, Veranstaltungsräume
Haldenstraße 5
78166 Donaueschingen
gäbele & raufer . Architekten . BDA, Lukas Gäbele, Tanja Raufer, Donaueschingen
Historisches Donaueschingen GbR, Eveline & Dr. Felix Banthien, Geisingen
2011
Als Baudirektor Ott 1732 mit dem Bau der Kanzlei in der Donaueschinger Haldenstraße begann, konnte er nicht ahnen, welche Veränderungen dem Gebäude einmal bevorstehen würden. Knapp 130 Jahre später wurde es zur Hofbibliothek umgewidmet, und als diese rund 140 Jahre danach wieder auszog, wechselte das Bauwerk 2011 nach einigen Jahren des Leerstands erneut seine Funktion: Dieses Mal sollte ein Veranstaltungsraum in den Keller einziehen, ein Restaurant und eine Galerie ins Hochparterre, ein Technikmuseum für Kinder ins erste Stockwerk und weitere Veranstaltungsräume ins zweite Obergeschoss. Die dafür notwendigen baulichen Voraussetzungen hatte Ott – natürlich – nicht geschaffen; von Aufzügen für eine barrierefreie Zugänglichkeit, von Zentralheizung und Lüftungsanlage für den Komfort und von doppelten Fluchttreppen für den Brandfall wussten die Baumeister im Barock noch nichts. Wie nun all die neuen Elemente in das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude integrieren? Wie kann es gelingen, dabei möglichst wenig historische Bausubstanz zu zerstören? Und wie sollen die neu hinzugefügten Bauteile gestalterisch auf die vorhandenen reagieren? Zunächst einmal haben gaebele & raufer architekten einige Funktionen aus dem Altbau ausgelagert, um dadurch den Umfang der baulichen Eingriffe im Inneren des Denkmals zu reduzieren. Die Fluchttreppe etwa schmiegt sich an der Rückseite des Gebäudes von außen an die Fassade, die Technikzentrale und der Kühlraum für das Restaurant stehen als Betonwürfel im Hof, und einige Abstellräume sind in einem Holzschuppen untergebracht, der sich an die Geländestützmauer hinter dem Haus lehnt. Gestalterisch oszilliert der Schuppen zwischen Alt und Neu. Mit seinem Flachdach zeigt er sich in eindeutig moderner Gestalt, gleichzeitig erhielt das Holz jedoch eine Ober?äche in historischer Technik: Ge?ammt und rußgeschwärzt ist es vor Schädlingen geschützt und wirkt so, als befände es sich schon seit Jahrzehnten im Hof. Weil sich die ergänzenden Anbauten an der Rückseite des ehemaligen Bibliotheksgebäudes konzentrieren, konnte die Straßenfront weitgehend unverändert erhalten bleiben. Dort fallen lediglich die neuen Farben ins Auge. Die verputzen Fassaden?ächen tragen einen Silikatanstrich in einem warmen Dunkelgrau, während ein Beige steinerne Schmuckelemente wie das barocke Portal, die Fenstergewände oder die Eckquader hervorhebt. Da dunkle Töne optisch in den Hintergrund treten, während helle nach vorne drängen, verstärkt diese Farbwahl die Tiefenwirkung der Fassade und unterstreicht ihre Plastizität. Die vorgelagerte Freitreppe führt hinauf zum Haupteingang im Hochparterre. Bei Veranstaltungen in den Kellerräumen jedoch gelangen Besucher auch direkt von der Straße nach unten. Hinter einer ebenerdigen Stahltür geht es zehn Stufen hinab zu den alten Gewölben. Vom Putz befreit ist dort jetzt der nackte Stein sichtbar, was den Räumen einen besonders ursprünglichen Charakter verleiht. Der neu eingebrachte Betonboden hält an den Rändern respektvollen Abstand zu den Wänden und bildet eine Fuge aus. In ihr verbergen sich Leuchtstoffröhren, die das alte Natursteinmauerwerk effektvoll in Strei?icht tauchen und damit die Struktur der Steine betonen. Im Boden befand sich eine mit Brettern abgedeckte Öffnung, der Eingang zu einem unterirdischen Verbindungsgang, der einst zur benachbarten Brauerei führte. Um diesen Abgang sichtbar zu belassen, wünschte sich der Bauherr eine Abdeckung aus Glas. Die Architekten schlugen stattdessen eine individuellere Lösung vor, die genau auf das Gebäude abgestimmt ist: eine Stahlplatte, aus der Buchstaben so herausgefräst wurden, dass eine Art Gitter entsteht, das den Blick nach unten freigibt. Die Buchstaben ergeben einen Text über die rund 280 Jahre währende Geschichte des Bauwerks von den Anfängen bis zur aktuellen Umnutzung. Soll der unterirdische Gang einmal zu Wartungszwecken betreten werden, lässt sich die Stahlplatte ähnlich einer Zugbrücke über eine Seilwinde hochkurbeln. Wie bei allen anderen neuen Bauteilen im Keller blieb das Material der Platte roh und unbeschichtet, was gut zu den nackten Steinwänden passt. Auch die Treppe ins Erdgeschoss und die Abdeckung des Schachts für die Steigleitungen zeigen rohen Stahl, allerdings in voroxidierter rostiger Corten-Qualität. Aufzugsschacht und Toilettenwände schließlich präsentieren sich in unbekleidetem Beton, dessen Grauton und steinerne Anmutung mit den grauen Gewölben korrespondieren. Damit die Natursteinwände möglichst unangetastet bleiben, sind die Toiletten nach dem Raum-im-Raum-Prinzip als eigenes kleines Haus in den Keller eingestellt – mit Giebel und Satteldach bilden sie augenzwinkernd ein "Klohäuschen" im ganz wörtlichen Sinne. Die Betonwände wurden rundum mit einem Ornament gestaltet, das die Ankerlöcher und das Raster der ablesbaren Schaltafelstöße überlagert: Der Beton zeigt unterschiedliche Ober?ächen; auf leicht rauem Grund zeichnen sich gänzlich glatte Flächen ab, die ein vegetabiles Dekor ergeben. Es wurde auf verblüffend einfache Weise hergestellt, indem die Architekten schlicht eine entsprechend gemusterte Strukturtapete in die Schalung einbringen ließen. Das Ornament ist dabei nicht irgendeine beliebige Form, sondern stammt aus der Erbauungszeit des Gebäudes und sorgt auf diese Weise dafür, dass sich das Toilettenhäuschen harmonisch in seine historische Umgebung einfügt, obwohl es klar als modernes Element erkennbar ist. Der Beton des Aufzugschachtes wurde genauso behandelt. Zusätzlich zu dem Ornament ziert dort allerdings in jedem Geschoss ein eingelassener Schriftzug die Ober?äche – immer mit Bezug zur Geschichte des Gebäudes. So ?ndet sich etwa ein Auszug aus dem Nibelungenlied, das einst in einer der ältesten erhaltenen Schriftfassungen in der Bibliothek aufbewahrt wurde, in Beton gegossen am Aufzug wieder. Im Hochparterre durchstößt der Schacht für den Lift ein ehemaliges Bedienstetenzimmer. Auch er steht frei im Raum, um die vorhandenen Wände zu schonen, die einfach frisch gestrichen wurden. An einer Seite hält er nur rund 30 Zentimeter Abstand zur Altbauwand, die in diesem Bereich als "Fenster in die Vergangenheit" fungiert und komplett im vorgefundenen Zustand erhalten wurde – ohne neuen Anstrich auf alten Türrahmen oder Wand?ächen. Alle historischen Ober?ächen sind authentisch bewahrt und zeigen, wie es dort früher einmal ausgesehen hat. In der Gebäudemitte durchquert das Foyer den Baukörper und führt schnurstracks vom Portal zur Haupttreppe. Als vorgeschriebene Notbeleuchtung dient in diesem repräsentativen Raum nicht ein industrielles Standardprodukt, sondern eine eigens angefertigte Sonderlösung, die wie ein Gemälde an der Wand hängt. Mehrere Lagen Plexiglas mit eingelassenen LED-Lampen sorgen für die nötige Helligkeit, zwischen den Scheiben be?nden sich aber alte handbeschriebene Karteikarten, die aus dem ehemaligen Katalog der Bibliothek stammen und bei deren Auszug übriggeblieben waren. Zur Linken des Foyers liegt die Galerie, zur Rechten fand das Restaurant Platz, das atmosphärisch von den vorhandenen alten Kreuzgewölben pro?tiert. Eine indirekte LED-Beleuchtung versteckt sich über Augenhöhe auf den steinernen Wandkonsolen und Pfeilerkapitellen, strahlt die Gewölbe von unten an und setzt sie damit besonders in Szene. Auch der neu eingestellte Tresen aus Ornamentbeton ist indirekt beleuchtet. Um einen Zugang vom Gastraum zur neu angelegten Außenterrasse zu schaffen, musste eine Fensterbrüstung herausgebrochen werden. Der Schnitt durchs Mauerwerk ist sichtbar belassen und die alten Fenster?ügel blieben hinter der Terrassentür erhalten, so dass der Eingriff in die historische Bausubstanz als solcher erkennbar wird. Auch in den beiden Obergeschossen erzählen Spuren von den Veränderungen, die am Gebäude vorgenommen wurden. Für die neue Nutzung als Museum und Veranstaltungsstätte mussten einige Bücherschränke aus der Raummitte weichen. Ihre ehemalige Position lässt sich an den hellen Stellen im Holzboden ablesen, die bewusst erhalten wurden. Bei der Integration der Haustechnik ließen sich die Architekten einiges einfallen, um das historische Flair der Räume nicht zu gefährden. Eine unsichtbar unter Putz verlegte Wandheizung macht störende Heizkörper über?üssig. Rohre oder Wandauslässe für die Lüftungsanlage sucht man ebenfalls vergeblich, denn die alten Bücherschränke am Rand der Räume wurden ein wenig von der Wand abgerückt und dahinter die Lüftungsleitungen angeordnet. Das Einblasen der Frischluft und das Absaugen der verbrauchten Raumluft erfolgen über die vorhandenen recht großen Risse in den Rückwänden der hölzernen Regale. Was wohl Baudirektor Ott zu all dem sagen würde, wenn er heute, nach 280 Jahren, sein Gebäude noch einmal besichtigen könnte? Wahrscheinlich würde er sich über die vielen Veränderungen wundern, über moderne Baustoffe wie Cortenstahl und Beton staunen. Aber sicher würde er anerkennen, dass man sich mit großem Respekt vor seinem Werk und viel Liebe zum Detail daran gemacht hat, sein Gebäude für die Zukunft zu erhalten. Um eine neue Schicht zeitgenössischer Elemente bereichert, wird es nun an künftige Generationen weitergereicht.
Text: Christian Schönwetter, aus "Alte Hofbibliothek - Neue Perspektiven" ISBN 978-3-86833-113-4
Eckdaten:
Erstellung 1732-1735
Umbau 1862 zur Hofbibliothek
Umbau Januar-Oktober 2011
Nutzung Restaurant, Museum, Veranstaltungsräume




